Gamechanger Mobile Kommunikation

Früher bzw. ganz früher war Kommunikationsarbeit übersichtlich. Die Pfade, die die Botschaften von Marketing und PR nehmen konnten, waren geradlinig und die zu nehmenden Stolperfallen und Hürden bekannt und weitgehend berechenbar. Vermutlich fühlten sich Kommunikatoren auch beim Aufkommen von Tageszeitungen, Radio und Fernsehen herausgefordert. Rückblickend ist aber selbst die massenmediale Verbreitung des Internets eher eine Marginalie im Vergleich zu dem, was uns seit 2007 widerfährt.

2007? – Festhalten, bitte! Ja. Es ist tatsächlich gerade einmal 10 Jahre her, dass Steve Jobs das erste iPhone vorstellte und damit einen Standard etablierte, der es mittlerweile in quasi jede Handfläche geschafft hat. Smartphones definieren heute und auf absehbare Zukunft, wie uns Nachrichten erreichen, wie wir miteinander kommunizieren und immer mehr auch unser ganzes Leben gestalten.

Im Zusammenwirken mit zwei weiteren Entwicklungen hat das Smartphone die Herausforderungen an Kommunikationsarbeit komplett auf den Kopf gestellt. Zum einen kann sich seit dem Aufkommen von Blogs um das Jahr 2000 und beschleunigt durch Facebook, Youtube und Co. ab 2005 heute quasi jeder an Kommunikation beteiligen und vielfach dabei beachtliche Reichweiten erzielen. Zum anderen verlagert sich ein immer größerer Teil der Internetnutzung aus dem Browser in Apps, die der Nutzung auf dem Smartphone einfach besser gerecht werden.

Timeline Gamechanger Mobile Kommunikation

America First, Mobile Second

Die Devise „Mobile First“ wird seit Jahren als Binse durch die Branche gereicht. Nichtsdestotrotz denken sehr viele immer noch zunächst auf dem großen Bildschirm. Das ist umso bemerkenswerter, als die Nutzer längst einen Schritt weiter sind. In den USA wurde nach Zahlen von Comscore bereits Mitte 2016 zwei Drittel der gesamten Online-Zeit auf mobilen Endgeräten verbracht, gemessen über alle Altersgruppen. Die Chinesen sind noch weiter. Beim jüngsten Black Friday Sale haben sie 80 Prozent der Umsätze mobil getätigt. Und auch bei uns übersteigt die mobile Nutzungszeit die am Desktop mittlerweile deutlich. Immer bessere Smartphones, neue Gadgets wie Smartwatches und smarte Brillen und die Fokussierung von Google und Facebook auf mobile Inhalte beschleunigen die Entwicklung weiter.

Angebote, die mit dem Schwerpunkt Desktop und Browser entwickelt werden, haben in allernächster Zukunft kaum noch eine Chance. Statt „Mobile First“ muss die Devise daher künftig schlicht „Mobile“ heißen.

 

It’s an App World

Mit der Mobilisierung des Internets geht ein weiterer Trend einher, den ebenfalls Apple mit der Erfindung des App-Stores ausgelöst hat. Laut Comscore verbringen US-Amerikaner gut dreiviertel ihrer mobilen Online-Zeit in Apps. Der Standardbrowser hat mehr oder weniger ausgedient.

Für die Kommunikation hat das bedeutende Konsequenzen. Solange das Fenster ins Internet der Browser auf dem Desktop ist, bleibt ein gutes Stück der Praxis aus der Print- und Fernsehvergangenheit anwendbar. Online-Magazine lassen sich ähnlich gestalten wie Zeitschriften, Formate aus dem TV passen auch auf den Breitbildschirm eines Notebooks. Zudem haben wir mit dem Browser – auch auf den mobilen Geräten noch – einen direkten Weg zum Empfänger.

In Apps ist das Geschichte. Egal ob Facebook, Twitter, WhatsApp oder Snapchat. Nicht mehr die Kommunikatoren bestimmen das Format, sondern die App-Entwickler entscheiden über den Rahmen und teils sogar über die Inhalte.

Wer heute über die Inhalte seiner Kommunikation nachdenkt und sie für eine breite Zielgruppe verfügbar machen will, muss von vornherein die Rahmenbedingungen zahlreicher Apps mitbedenken. Botschaften müssen unter anderem in 140 Zeichen auf Twitter, als Bild auf Instagram oder als Post in der Facebook-Timeline funktionieren.

 

Facebook takes it all

Die Facebook-App ist in der westlichen Welt die mit Abstand wichtigste App auf mobilen Endgeräten. Auf den Plätzen folgen der Facebook-Messenger und nach einigen Google-Anwendungen auch Instagram, das ebenfalls zur Facebook Inc. gehört. Für Facebook gilt zudem, dass der Anteil der Nutzer, die das Netzwerk nur mobil nutzen, aktuell massiv ansteigt.

Für manchen mag es eine bittere Erkenntnis sein. Aber ohne Facebook lassen sich Botschaften kaum noch transportieren. Und mit den Bedingungen der App nimmt der Einfluss Facebooks auf Form und Inhalt nochmals zu.

 

Bewegt Euch

Mobile Endgeräte verändern das Nutzerverhalten. Wer unterwegs ist, hat (noch) weniger Zeit für längere Texte, lässt sich (noch) schneller ablenken oder liest sowieso eher nicht. Stattdessen wirken starke Bilder und noch besser bewegte Bilder. Die Präsenz von Youtube, Instagram, Snapchat und Pinterest auf den besten Plätzen im Comscore App-Ranking machen die Beliebtheit von Bilderwelten auf dem Smartphone überdeutlich. Auch Facebook bevorzugt vor allem Beiträge mit bewegten Bildern, wenn die Timeline auf mobilen Endgeräten angezeigt wird.

Für Kommunikatoren bedeutet das, dass sie ihre Botschaften viel öfter jenseits des geschriebenen Worts umsetzen müssen. Gerade die PR tut sich damit noch schwer. Aber selbst, wer schon mit Bildern Erfahrung hat, muss viel dazu lernen. Jeder gute Kameramensch hat gelernt, dass breite Bilder besser funktionieren. Und jetzt muss er die bittere Wahrheit schlucken, dass mobile Geräte fast nie auf die Seite gedreht werden, Instagram in Quadraten funktioniert und bei Snapchat das Querformat fast schon Garant für einen Shitstorm ist.

 

Zeigt es sofort – am besten Rundum

Bilder beziehungsweise bewegte Bilder sind nicht zuletzt auch deshalb eine Herausforderung, weil immer öfter erwartet wird, dass sie live und am besten in 360 Grad gezeigt werden. Auch das ist unmittelbare Folge immer neuer mobiler Endgeräte, deren neueste Generation Livebilder fast schon in Highend-Qualität ermöglichen und die 360-Grad-Aufnahmen Dank der eingebauten Lagesensoren letztlich erst interessant machen.

Für die Inszenierung von Live-Bildern, die im Umfeld sozialer Netzwerke ja nicht als Programm laufen, müssen Filmemacher sich Strategien überlegen. Wo holen sie die Audience in den ersten Minuten ab und wie halten sie sie bei der Stange, bis die eigentliche Botschaft einem möglichst großen Publikum präsentiert werden kann. Dabei hatten sie doch gerade erst gelernt, dass es auf Youtube gilt, in max. 15 Sekunden zum Kern der Geschichte zu kommen.

Zeitliche Nutzung - Gamechanger Mobile Kommunikation

Ja wo laufen sie denn? – Inhalte auf der Flucht

Der auch für echte Onliner oft noch schwer zu begreifende neueste Trend läuft unter dem Etikett „ephemeral“, was so viel wie „flüchtig“ heißt. Vorreiter Snapchat wirdden Weg auf den Desktop vermutlich gar nicht mehr finden. Wozu auch? Die App mit dem Gespenst ist mit der Beschränkung auf mobile Endgeräte überaus erfolgreich.

Snapchat, in gewisser Weise auch Periscope oder Meerkat und natürlich auch die Abgucker von Instagram und Facebook machen im Kern etwas im Internet Ungeheuerliches. Sie löschen systematisch Inhalte. Im direkten Dialog direkt nachdem es angeschaut wurde, bei den für Kommunikation interessanten Stories nach kaum 24 Stunden.

Für Kommunikatoren der blanke Horror. Sorgsam ausgedachte Geschichten, teuer inszenierte Bilderwelten. Nach kurzer Zeit einfach gelöscht und für immer verschwunden. Und dennoch werden wir uns darauf einstellen müssen. Die Zielgruppen der Zukunft fahren voll darauf ab. Möglicher Ausweg. Einfach mehr echtes Leben zeigen und weniger künstliches Erschaffen. Aber das natürlich dennoch auf höchstem Niveau.

 

Djure Meinen hält zum Thema „Mobile Kommunikation – Snapchat ist auch nur kein Hype“ einen spannenden Workshop auf unseren Praxistagen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am 18. Mai 2017 in Düsseldorf.

Djure Meinen, Berater für wildcard communications

Djure Meinen, Berater für wildcard communications

Djure Meinen, auch als „Heisenberg der Blogger Relations“ bekannt, unterstützt seit 2008 Unternehmen in der Zusammenarbeit mit Social Media Influencern. Der Volkswirt und Imker aus Varel ist als Berater für wildcard communications in Hamburg tätig und lehrt an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter.

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